Nachruf auf Emeritus Prof. Dr. med. Hans Joachim Bremer

*10. Juni 1933 Lübtheen – †18. März 2026 Osnabrück

Am 18. März 2026 verstarb Prof. Dr. med. Hans Joachim Bremer im 93ten Lebensjahr.

Vita

Geboren 1933 in Lübtheen im heutigen Mecklenburg-Vorpommern, besuchte Hans Joachim Bremer dort die Volksschule und bestand 1953 an der Goethe Oberschule in Schwerin das Abitur.
Das ursprünglich angestrebte Ziel eines professionellen Musikers – Herr Bremer spielte Geige, Klavier und Orgel – wurde zwar zugunsten der Medizin aufgegeben; die Liebe zur Musik blieb jedoch bis zu seinem letz­ten Lebenstag erhalten.
Von 1953 bis 1958 studierte er Medizin, Biochemie und Chemie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Das Angebot von Professor Samuel Rapoport, Direktor des Instituts für Physiologische und Biologische Che­mie, nach dem Staatsexamen eine wissenschaftliche Assistentenstelle anzunehmen, lehnte er jedoch ab, da dies an die Bedingung geknüpft war, in die SED einzutreten. Nachdem die Par­teileitung der SED der Charité als Voraussetzung für die Zulassung zum Staatsexamen den Abbruch familiärer Kontakte nach Westdeutsch­land einforderte und anderenfalls mit der Relegation von der Univer­sität drohte, wechselte Herr Bremer auf­grund des politischen Drucks 1958 an die Universität Hamburg, wo er ergänzend das Fach Tropenmedizin studierte und das Staatsexamen ablegte.
Seine noch am Institut für Physiologische und Biologische Chemie der Humboldt-Universität zu Berlin bei Professor Samuel Rapoport angefertigte Dissertation mit dem Thema „Vergleichende Untersu­chungen über die Rolle des alpha-Aminostickstoffs im endogenen Stoffwechsel von unreifen roten Blutkörperchen“ wurde am Institut für physiologische Chemie der Universität Hamburg anerkannt und führte zur Promotion.
Zwischen 1958 und 1962 war Herr Bremer Assistent am Max-Planck-Institut für Meeresbiologie in Wilhelms­haven, wo er über biochemische Mechanismen der Informationsübertragung zwischen Zellkern und Zytoplasma sowie über freie Nukleotide und Aminosäuren in einzelligen Grünalgen (Acetabularia aceta­bulum) forschte und publizierte.
Von 1963 bis 1967 erfolgte die Weiterbildung zum Kinderarzt an der Universitäts-Kinderklinik Tübingen sowie die Ernennung zum Akademischen Rat. 1967 wechselte er an die Universitäts-Kinderklinik München als Oberarzt, wo er auch das biochemische Forschungslabor aufbaute und 1968 zum Oberkonservator er­nannt wurde.
Im Jahr 1969 wechselte Herr Bremer an die neugegründete Universität Ulm. Dort wirkte er beim Umbau der Städtischen Krankenanstalten in ein Universitätsklinikum mit und baute ebenfalls ein biochemisches und er­näh­rungswissenschaftliches Labor auf. In Ulm erfolgte auch im Jahr 1970 die Habilitation für das Fach Kin­derheilkunde mit der Arbeit „Aliphatische Di- und Polyamine im Urin – Bestimmungsmethoden und Nach­weis“. 1972 wurde er zum Vorsteher der Abteilung für Stoffwechselkrankheiten und Ernährungswissen­schaften ernannt.
Im Jahr 1974 erfolgte die Berufung zum ordentlichen Professor für Kinderheilkunde an die Universität Düs­seldorf und zum Direktor der Universitätskinderklinik mit den Bereichen Ambulanz, Säuglings- und Kleinkinder­stationen, Stoffwechselkrankheiten, Endokrinologie und Nephrologie, wo unter seiner Leitung eines der größten pädiatrischen Stoffwechselzentren Deutschlands entstand. Zeitgleich wurde unter seiner Mit­wir­kung eine Kinderabteilung an der Gezira-Universität in Wad Madani im Sudan aufgebaut und mit dieser gemeinsame Forschungsaktivitäten initiiert.
Im Jahr 1988 nahm Herr Bremer einen Ruf an die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg an, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1999 Geschäftsführender Direktor der Universitäts-Kinderklinik und Leiter der Abteilung Allgemeine Pädiatrie und Poliklinik war.
Es finden sich 160 Medline-gelistete Publikationen in deutschen und internationalen Fachzeitschrif­ten, da­runter „Nature“ und „New England Journal of Medicine“ zu Diagnostik, Behandlung und Verlauf von ange­borenen Störungen des Kohlenhydrat-, Eiweiß- und Fettstoffwechsels, zur Bedeutung der Spu­renelemente Zink und Selen, zu Zöliakie und Mitochondriopathien, zu ernährungsmedizinischen Stu­dien in Sudan, Ghana, Kongo und Nigeria sowie tropenmedizinischen Fragestellungen zur Proteinmangeler­nährung, Mala­riaprophylaxe, Tuberkulose und zum familiären Mittelmeerfieber. Besondere Erwäh­nung verdient das Hand­buch Bremer HJ, Duran M, Kamerling JP, Przyrembel H, Wadman SK.“ Disturbances of Amino Acid Meta­bolism: Clinical Chemistry and Diagnosis“ Urban Schwarzenberg, München aus dem Jahr 1981, zu seiner Zeit ein Standardwerk der Stoffwechselmedizin. Das Buch war insofern bemerkenswert, als es Informationen über die Chemie von Aminosäuren und ihrer Metaboliten, kurze Beschreibungen bereits bekannter Amino­säurenstoffwechselstörungen, zur Verfügung stehender Nachweismethoden sowie Tabellen von „Normalwerten“ von Aminosäuren vereinigte.
Neben seinen zahlreichen und hochrangigen wissenschaftlichen Publikationen und Vorträgen hat Herr Bremer maßgeblich zum Verständnis sowie zu verbesserten Diagnose- und Behandlungsmög­lichkeiten von angeborenen Stoffwechselkrankheiten beigetragen und in diesem Bereich unschätzbare Verdienste für die Kinderheilkunde erworben. Insbesondere konnten durch seine Arbeiten Behandlungskonzepte für Amino­säurenstoffwechselkrankheiten entwickelt und dahingehend verbessert werden, dass Defizite hinsichtlich der Versorgung mit Aminosäuren und Spurenelementen vermieden werden konnten. Darüber hinaus zeich­nete ihn sein unermüdliches Engagement für die wissenschaftliche Weiterentwicklung der Kinder- und Ju­gendmedizin und sein stetiges Bemühen um die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses aus.
Als Wissenschaftler war sich Hans Joachim Bremer stets der Begrenztheit auch guter Evidenz bewusst. Als Lehrer hielt er ausgezeichnete Vorlesungen; Reden halten mochte er jedoch nicht. Als Klinikdirek­tor war er sich der Herausforderungen und der Verantwortung stets bewusst, die mit dieser Aufgabe verbunden waren und gewährte gleichzeitig Mitarbeitern größtmögliche Freiräume in der Wahl und Durchführung ihrer wis­senschaftlichen Interessen. Er verfügte über eine außerordentlich breite und tiefgehende klinische Erfah­rung und war seinen Patienten ein zugewandter und geduldiger Arzt. Sein Engagement ging weit über seine berufliche Tätigkeit hinaus. Während seiner Düsseldorfer Zeit or­ganisierte er nach einem Aufenthalt mit „Ärzte ohne Grenzen“ in Somalia die stationäre Behandlung eines schwerkranken somalischen Mädchens, das bis zur Rekonvaleszenz in der Familie Bremer lebte. Anlässlich des schweren Erdbebens 2010 in Haiti engagierte er sich im Rahmen von „Ärzte ohne Gren­zen“ bei der Organisation der dringend benötigten Hilfs­maßnahmen.
Im Jahr 2001 wurde Herr Bremer in Würdigung seiner Verdienste um die pädiatrische Stoff­wech­selmedizin zum Ehrenmitglied der Arbeitsgemeinschaft für Pädiatrische Stoffwechselstörungen e.V. -APS (heute Gesellschaft für Angeborenen Stoffwechselstörungen – GfAS) ernannt. Im Jahr 2002 erfolgte die Ver­leihung der Ehrenmitgliedschaft der German Association for Tropical Paediatrics und im Jahr 2013 wurde er als international bekannter, häufig zitierter und hoch geachteter Experte der Kinder- und Jugendmedizin mit der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Ju­gendmedizin (DGKJ) ausgezeichnet.
Jenseits der Medizin galt sein wissenschaftliches Interesse der Entomologie. Er war Mitarbeiter in der Sek­tion Coleoptera (Käfer) der Zoologischen Sammlung München, sein Forschungsgebiet war die Fa­milie der Tenebrionidae. Auch auf diesem Gebiet hat er 160 Publikationen vorzuweisen, insgesamt 68 Taxa beschrie­ben, sowie ein Eponym vorzuweisen: als Entdecker einer neuen Käferart wurde ihm die Species Boschalis bremeri aus der Familie der Coccinellidae gewidmet.
Trotz anhaltender Schmerzen, bedingt durch eine Polyneuropathie die ihn während der letzten Le­bensde­kade zunehmend körperlich beinträchtige, arbeitete Hans Joachim Bremer nach seiner Emeritierung noch sehr viele Jahre mit ungebrochener geistiger Kraft auch am Tag seines Todes an einer letzten Publikation.
Am 18. März 2026 endete friedlich das Leben eines großen, klugen und allseits geachteten Forschers, Arztes und Kollegen.

Für die Gesellschaft für angeborene Stoffwechselstörungen e.V. (GfAS)
Hildegard Przyrembel (Berlin)
Udo Wendel (Düsseldorf)
Ertan Mayatepek (Düsseldorf)
Peter Burgard (Heidelberg)
Georg F. Hoffmann (Heidelberg

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